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Kahle Wände, leere Schreibtische: Warum das Büro wieder ein Ort werden muss

Viele mittelständische Unternehmen kennen das Problem aus den letzten Jahren: Die Belegschaft soll häufiger zurück ins Büro, aber das Büro selbst spricht dagegen. Wer zu Hause am eingerichteten Schreibtisch mit Blick ins Grüne arbeitet, empfindet den grauen Großraum mit Aktenschränken und leeren weißen Wänden als Rückschritt. Die Anwesenheitsdebatte wird meist über Regeln geführt, über Kernzeiten und Bürotage. Über die naheliegendere Frage, ob der Raum überhaupt ein Ort ist, an dem man gern sitzt, wird seltener gesprochen.

Dabei ist die Wirkung von Raumgestaltung auf Arbeitsleistung erstaunlich gut untersucht. Die Psychologen Craig Knight und Alex Haslam von der Universität Exeter haben 2010 in einer Serie von Experimenten verglichen, wie Menschen in einem kargen, rein funktionalen Büro arbeiten und wie in einem Raum, der mit Pflanzen und Bildern ausgestattet ist. Das Ergebnis: Im ausgestatteten Büro stieg die Produktivität um rund 15 Prozent, und sie stieg noch weiter, wenn die Beschäftigten die Gestaltung mitbestimmen durften. Das karge Büro schnitt in jeder Variante am schlechtesten ab. Die Vorstellung, dass ein reizarmer Raum die Konzentration fördert, hat die Untersuchung nicht bestätigt, eher das Gegenteil.

Für Unternehmen ist das eine ungewöhnlich günstige Stellschraube. Ein Umbau kostet sechsstellig, neue Möblierung fünfstellig. Bepflanzung und Wandbilder fürs Büro bewegen sich dagegen im niedrigen vierstelligen Bereich für einen kompletten Standort, oft darunter. Kein anderer Posten im Gebäudebudget verändert das Erscheinungsbild von Fluren, Meetingräumen und Arbeitsbereichen so deutlich bei so geringem Aufwand. Die Bilder hängen an einem Nachmittag, es gibt weder Staub noch Ausfallzeiten.

Der erste Eindruck beginnt allerdings nicht am Arbeitsplatz, sondern am Empfang. Wer Bewerberinnen und Bewerber durch einen Flur mit vergilbten Brandschutzplänen und einem gerahmten Zertifikat von 2011 führt, erzählt etwas über das Haus, ob er will oder nicht. Gerade im Wettbewerb um Fachkräfte, den kleinere Betriebe gegen Konzerne mit Neubauten führen, zählt dieser Moment. Ein Besprechungsraum mit einem großen, gut gewählten Bild bleibt in Erinnerung. Der Raum mit Whiteboard und Wasserflaschen nicht.

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Dazu kommt ein Schauplatz, den es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab: der Videocall-Hintergrund. Geschäftsführung und Vertrieb sitzen heute regelmäßig vor der Kamera, und hinter ihnen sieht das Gegenüber entweder eine leere Wand, einen unscharfen Filter oder einen Raum mit erkennbarer Handschrift. Manche Unternehmen statten inzwischen gezielt die zwei, drei Räume hochwertig aus, aus denen am häufigsten Kundengespräche geführt werden. Das ist nüchtern kalkuliert: Diese Wand sehen mehr Kunden als das Foyer.

Wer nicht gleich das ganze Haus angehen will, startet mit einem Pilotraum. Ein einzelner Besprechungsraum, ordentlich ausgestattet mit zwei großen Bildern, besserem Licht und einer Pflanze, kostet wenige hundert Euro und liefert innerhalb weniger Wochen eine ehrliche Rückmeldung: Wird der Raum häufiger gebucht als vorher? Setzen sich Leute freiwillig dorthin? In mehreren Betrieben, die so vorgegangen sind, kam die Nachfrage nach den übrigen Räumen anschließend aus der Belegschaft selbst, was die Diskussion über Budget spürbar verkürzt.

Bei der Motivwahl fürs Büro gelten andere Regeln als in der Wohnung. Zu privat sollte es nicht werden, das Urlaubsfoto der Inhaberfamilie gehört nicht in den Besprechungsraum. Bewährt haben sich abstrakte Motive, Architektur- und Stadtansichten sowie großformatige Naturaufnahmen, je nach Bereich mit unterschiedlicher Temperatur: ruhige, gedeckte Motive in Räumen für konzentrierte Arbeit, kräftigere Farben in Kreativ- und Pausenbereichen. Einige Betriebe greifen Farben aus dem eigenen Erscheinungsbild auf, ohne gleich das Logo an die Wand zu hängen. Das wirkt durchdacht, ohne nach Werbeabteilung auszusehen.

Auch die Materialfrage stellt sich im Büro anders als daheim. In stark frequentierten Fluren und in der Kaffeeküche sind abwischbare, robuste Träger wie Aluminiumverbund oder Acrylglas praktischer als empfindliche Leinwände. In Räumen mit vielen harten Flächen, also Glaswänden, Schreibtischen und nacktem Estrich, bringen bespannte Leinwände dagegen einen kleinen akustischen Nebeneffekt mit, weil sie den Schall weniger reflektieren als eine leere Wand. Das ersetzt keine Akustikdecke, ist aber ein Anfang.

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Wer das Thema angeht, sollte den Fehler vermeiden, die Gestaltung komplett von oben zu verordnen. Genau das zeigt die erwähnte Exeter-Studie: Der größte Effekt trat ein, wenn Beschäftigte mitentscheiden durften. In der Praxis reicht dafür wenig. Eine Vorauswahl an Motiven, über die das Team abstimmt, oder Bereiche, die einzelne Abteilungen selbst gestalten dürfen. Ein Maschinenbauer aus dem Bergischen, von dem diese Anekdote stammt, ließ seine Azubis die Motive für den Pausenraum auswählen. Das Ergebnis, drei großformatige Motorrad-Motive, hätte die Geschäftsführung so nie bestellt. Der Raum ist seitdem der beliebteste im Haus.

Ein paar praktische Punkte für die Umsetzung. Große Formate wirken im Büro schneller angemessen als in Wohnungen, weil die Wände länger und die Betrachtungsabstände größer sind; ein einzelnes Bild unter 80 Zentimetern Breite verschwindet in einem Flur schlicht. Die Hängung auf Augenhöhe gilt auch hier, in Sitzungsräumen orientiert man sich eher an der sitzenden Perspektive. Und wer mietet, klärt die Befestigungsfrage vorab mit dem Vermieter oder arbeitet mit Schienensystemen, die nur einmal gebohrt werden müssen.

Bleibt der Einwand, das alles sei Kosmetik, die an Gehalt, Führung und Arbeitszeiten nichts ändert. Der Einwand stimmt. Ein schönes Büro repariert keine schlechte Führungskultur, und niemand bleibt wegen eines Bildes im Unternehmen. Nur folgt daraus nicht, dass die Umgebung egal wäre. Menschen verbringen dort tausend und mehr Stunden im Jahr. Ob diese Stunden in einem Raum stattfinden, dem man ansieht, dass sich jemand Gedanken gemacht hat, oder in einem, der seit dem Einzug 2009 unverändert ist, bemerken Beschäftigte sehr genau. Es ist dieselbe Logik, nach der niemand wegen des Kaffees kündigt, schlechter Kaffee aber trotzdem in jeder Mitarbeiterbefragung auftaucht.

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Der Mittelstand hat hier einen Vorteil, der selten genutzt wird: kurze Wege. Wo ein Konzern erst ein Workplace-Konzept beauftragt, kann ein Familienunternehmen die Entscheidung in einer Woche treffen und im selben Monat umsetzen. Wer im Herbst die Rückkehr-Diskussion führen will, hat mit ein paar gut gewählten Bildern, ordentlichem Licht und zwei Pflanzen mehr Argumente in der Hand als mit einer weiteren Anwesenheitsregel. Der Raum muss das Versprechen einlösen, dass sich der Weg ins Büro lohnt. Aussehen ist dabei nicht alles. Aber es ist das Erste, was jeder sieht.

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